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AIDS-Konferenz der VEM in Zhengzhou (Provinz Henan, VR China)

Über AIDS muss in China und anderswo mehr gesprochen werden. Wie das erreicht werden kann und welche Rolle die Kirche dabei spielen sollte war Ende Januar Thema einer zehntägigen Tagung in China. Die VEM, das Evangelische Missionwerk Südwestdeutschland (EMS) und die schweizerische Mission 21 sowie die chinesische Amity Foundation hatten dazu nach Zhengzhou, der Hauptstadt der Provinz Henan, eingeladen.

Erst seit 2003 wird in China überhaupt relativ offen über AIDS gesprochen. Damals hatte der Premierminister Wen Jiabao AIDS-Kranken vor laufenden Fernsehkameras die Hand geschüttelt, um das Thema AIDS an die Öffentlichkeit zu bringen. Seitdem hat das Thema seinen Weg in die Medien, Regierungserklärungen und Projektplanungen von Hilfsorganisationen gefunden. Nicht-Regierungsorganisationen wie die Amity Foundation, die schon seit Mitte der 1990er Jahre vorsichtig AIDS-Arbeit geleistet hatte, drängen heute darauf, der AIDS-Bekämpfung eine noch viel höhere Priorität zu geben als bisher, da die Infektionsraten in jüngster Zeit rapide ansteigen.

In China stößt die AIDS-Arbeit jedoch nach wie vor auf massive Widerstände. In der Provinz Henan waren Geschäftsleute und Regierungsmitglieder auf allen Ebenen in einen Blutspendeskandal verwickelt, bei dem mehrere Zehntausend Menschen mit AIDS infiziert wurden. Hier setzen die für den Skandal Verantwortlichen heute alles daran, das Thema möglichst niedrig zu halten. Einige Kritiker merken überdies an, es sei unangebracht, dass Hilfsorganisationen sich der AIDS-Arbeit widmen, denn das sei doch eigentlich Aufgabe der Regierung. Wieder andere leugnen, dass China überhaupt ein Problem mit AIDS hat.

Die VEM und Amity hatten bereits 2004 zu einer ersten internationalen Konferenz in die Provinz Yunnan eingeladen. Damals wurde AIDS in China zum erstenmal in einem kirchlichen Kontext diskutiert. Eine zweite Konferenz in China zum Thema AIDS schien allen Beteiligten notwendig, um einige wichtige Themen zu vertiefen und um in einem internationalen, ökumenischen Rahmen über neue Entwicklungen, Einsichten und Erfahrungen zu sprechen.

Unter dem Motto "God Breaks the Silence - the Churches and HIV/AIDS" diskutierten kirchliche Mitarbeiter aus Afrika (Tansania, Namibia, Kongo, Kamerun), Asien (Indonesien, Philippinen, Hongkong, Taiwan, China) und Europa (Schweiz, Deutschland) darüber, welche Rolle die Kirchenleitungen im Kampf gegen AIDS spielen sollten, wie die häusliche Betreuung von AIDS-Kranken verbessert werden kann, wie die sogenannten "Risikogruppen" erreicht werden können, was in der Jugendarbeit wichtig ist und wie sich die Stigmatisierung und Diskriminierung von AIDS-Kranken abbauen lassen.

Weil die asiatischen Kirchen sich seit viel kürzerer Zeit mit AIDS beschäftigen als die afrikanischen, hatten die Regionalkoordinatorin der VEM für das anglophone Afrika, Angelika Veddeler, und der gerade in den Ruhestand verabschiedete Asienreferent, Peter Demberger, angeregt, mehrere erfahrene Mitarbeiter aus Afrika einzuladen. Mit ihrem weiten Erfahrungshorizont konnten sie Hilfe und Anregungen geben.

In den Diskussionen, an denen sich zeitweise auch Mitglieder des kurzfristig angereisten Executive Committee der VEM beteiligten, setzte sich schnell die Überzeugung durch, dass den verschiedenen kulturellen, sozialen und politischen Kontexten besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, wenn vernünftige AIDS-Arbeit innerhalb der Kirche stattfinden soll. Da ist zum Beispiel die soziale Funktion von Kirche, die ganz unterschiedlich sein kann. So bilden Kirchen in Tanzania oder Namibia oft das Zentrum des Soziallebens, und in vielen Gebieten ist die Kirche die einzige Institution, die sich um soziale Belange der Menschen vor Ort kümmert. Ganz anders in China: Die Kirchen wachsen zwar; sie sind aber in der Regel noch immer kleine abgeschlossene Einheiten, die vor allem mit dem Gemeindeaufbau beschäftigt sind und wenig sozial-politischen Einfluss haben. Die chinesische Regierung begrüßt es zwar, wenn Kirchen soziale Aufgaben übernehmen, begegnet religiösen Gemeinschaften aber häufig trotzdem mit Zurückhaltung oder gar Misstrauen.

Das hat natürlich Konsequenzen für die AIDS-Arbeit der chinesischen Kirchen. So berichtet Pfarrer Yu aus Sichuan, dass seine Kirchengemeinde zwar sehr aktiv in der AIDS-Aufklärung und in der Betreuung von AIDS-Kranken ist; trotzdem darf nicht für diese Arbeit geworben werden. "Wir dürfen nicht einmal ein Schild aufstellen, das auf unsere AIDS-Hilfe hinweist", klagt Pastor Yu.

Trotz solcher Unterschiede ist die AIDS-Arbeit in verschiedenen Ländern zum Teil doch vergleichbar. Ähnliche Probleme haben afrikanische und chinesische Mitarbeiter beispielsweise in der AIDS-Aufklärung. Wie in Afrika gilt es auch in China als äußerst peinlich und unangemessen, offen über Sexualität zu sprechen. Eltern sprechen mit ihren Kindern nicht darüber; manche, weil ihnen das Thema unangenehm ist - andere, weil sie über die Zusammenhänge selber kaum etwas wissen. Wieder andere hoffen, dass ihre Kinder keinen außer- oder vorehelichen Sex haben werden, wenn sie gar nichts darüber erfahren. Selbst Lehrer vermeiden es gelegentlich, Sexualunterricht zu geben, obwohl der chinesische Lehrplan dies vorschreibt: Das Thema ist ihnen einfach zu peinlich. Wo an den Schulen Sexualkunde tatsächlich unterrichtet wird, erhalten Jungen und Mädchen getrennten Unterricht, in dem es übrigens ausschließlich um die biologischen Besonderheiten des eigenen Geschlechts geht.

Dass sich in einem solchen Kontext AIDS unter Jugendlichen schnell verbreiten kann, wissen afrikanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus eigener jahrelanger Erfahrung. In einem Workshop über den Umgang mit Jugendlichen sammelten chinesische und afrikanische Jugendarbeiter gemeinsam Ideen, wie Jugendliche und Familien aus der Sprachlosigkeit geholt werden können, wie ein offeneres Gespräch möglich gemacht und in diesem Sinne konkrete AIDS-Vorsorge stattfinden kann.

Natürlich sind chinesische Gemeinden bereits in der AIDS-Aufklärung aktiv. Das konnten Konferenzteilnehmer während einer Projektbesichtigung in der Gemeinde von Shangqiu erleben. Mit Unterstützung der Amity Foundation hatte die Gemeinde vor fünf Jahren einige Gemeindemitglieder zu Kursleitern ausgebildet, die heute in der Umgebung von Shangqiu über AIDS aufklären. Zu ihnen gehört der Kirchenchorleiter, Herr Zhang. Unter der Woche fährt er über Land, gibt Unterricht in anderen Gemeinden, aber auch in Moscheen und nicht-religiösen Gemeinschaften - ganz im Sinne der Ökumene. Außerdem besuchen er und seine Kollegen die sogenannten AIDS-Dörfer, in denen über die Hälfte der Bewohner an AIDS erkrankt sind - fast immer als Folge des Blutspendeskandals. Die Konferenzteilnehmer zeigten sich besonders beeindruckt von den Mikrokredit-Projekten für AIDS-Kranke, die durch die Aufzucht von Schweinen, Schafen, Ziegen und Kühen nicht nur eigene Verdienstmöglichkeiten, sondern auch neuen Lebensmut gewonnen haben.

Alle Konferenzteilnehmer waren berührt davon, dass trotz vieler sozialer und kultureller Unterschiede alle dasselbe Ziel verfolgen und sich als Glieder der einen Kirche vor eine gemeinsame Aufgabe gestellt sehen: dem Nächsten zu helfen. Die VEM wird demnächst die Ergebnisse der Konferenz sowie einen Band mit Andachten zum Thema AIDS veröffentlichen, um auch denen Anregungen und Hilfen für die AIDS-Arbeit an die Hand zu geben, die nicht an dieser inspirierenden Konferenz teilnehmen konnten.

(17 March 2007)