Oliver's entries

Mit dem Laptop auf die Kanzel

Gemeindeleben und Missionsarbeit der Hongkonger Chinese Rhenish Church, einer Mitgliedskirche der VEM

An einem Sonntagmorgen fahren wir eine Stunde lang durch Hongkong, erst mit der U-Bahn, dann mit dem Bus. Draußen sind die Läden offen, überall sind Menschen unterwegs, hetzen blicklos aneinander vorbei. Dann müssen wir noch zu Fuß weiter, zwischen Wolkenkratzern hindurch und unter Hochstraßen her, auf denen schon zu dieser frühen Stunde der Verkehr tobt. Endlich sehen wir ein Gebäude mit der Inschrift "Chinese Rhenish Church". Wir sind am Ziel.

Kaum sind wir eingetreten, bleiben Lärm, Hektik und Anonymität zurück. Wir werden gleich begrüßt und herzlich willkommen geheißen. Alle tragen hier Namensschilder, und auch für uns werden gleich welche gemacht. Bevor wir den Gottesdienstraum erreichen, haben wir schon viele Hände geschüttelt, sind einem Pastor vorgestellt worden - und haben immer wieder einen Satz gehört: "Unsere Kirche ist von Deutschen gegründet worden, und wir gehören zur VEM." Wir sind die einzigen Nichtchinesen hier, aber von der ersten Minute an fühlen wir uns zu Hause.

Der Gottesdienst wird auf Kantonesisch gehalten, aber für uns ist eigens eine englische Simultanübersetzung arrangiert worden. Die Sonne scheint durch die farbigen Spitzbogen-Fenster herein, und nach dem Orgelvorspiel beginnt ein Pastor in schwarzem Talar mit dem Eingangsgebet. Dann zieht singend der Chor ein, alle Sängerinnen und Sänger tragen weiße Gewänder, wie man es aus England oder Amerika kennt. Der Gottesdienstablauf ist uns aus Deutschland vertraut. Das erste Gemeindelied hat eine italienische Melodie, und wir singen auf Englisch mit.

Ganz uneuropäisch kommt uns dagegen der selbstverständliche Einsatz moderner Technik vor: Die Predigerin nimmt ihren Laptop mit auf die Kanzel, damit sie wichtige Bibelpassagen und Illustrationen auf eine Leinwand neben dem Altar projizieren kann; auf einer zweiten Leinwand erscheint sie selbst, aufgenommen von einer Videokamera. So kann man sie auch aus der letzten Reihe gut erkennen. Das Wort steht im Mittelpunkt: Die Predigt dauert 35 Minuten.

Die Gemeinde, die wir heute besuchen, ist die älteste und, mit wöchentlich rund 700 Gottesdienstbesuchern, eine der größten in ganz Hongkong. Insgesamt gibt es 19 Gemeinden mit rund 14000 Mitgliedern.

"Unsere" Gemeinde bietet jeden Sonntag drei Gottesdienste an. Zwei davon zielen besonders auf jüngere Christinnen und Christen: An die Stelle traditioneller Choräle sind hier rockige und poppige Lobpreis-Lieder getreten, statt Orgel und Chor gibt es eine Band. Auch die Predigt hat natürlich einen anderen Stil als in dem Gottesdienst, der für unser Empfinden so viele deutsche Elemente hatte. Die Liturgie ist auf drei lutherische Kernpunkte zusammengeschrumpft: die Zehn Gebote, das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Um die jungen Leute bemüht man sich in dieser Gemeinde ganz besonders. Die Kirche liegt mitten in einer Familien-Wohngegend, und es gibt vielfältige Kontakte zu den umliegenden Schulen. Viele Teenager, die in die Schule direkt gegenüber gehen, nehmen regelmäßig an einem "lunch meeting" der Kirche teil, zu dem neben dem gemeinsamen Essen auch eine Bibelarbeit gehört. Die meisten Gemeindeglieder haben als Kinder oder Jugendliche zum ersten Mal mit der Kirche zu tun gehabt und sind dann dabeigeblieben - offenbar weil die Gemeinde eine Menge zu bieten hat, für alle möglichen Alters- und Gesellschaftsgruppen.

Die Hongkonger gelten als pragmatisch und wählerisch. Wichtiger als die Konfession, so klagt ein Pastor im Gespräch mit uns, sind ihnen praktische Dinge: Ist die Kirche schnell zu erreichen? Kann ich dort meine Freunde treffen? Gibt es Aktivitäten, die Spaß machen? Die Gemeinde, die wir besucht haben, mußte vor ein paar Jahren erleben, wie immer mehr junge Leute zu den Baptisten in der Nachbarschaft "überliefen", die eine lebendigere Jugendgruppe hatten.

Statt zu lamentieren zogen die Pastoren und Presbyter der Rhenish Church daraus aber den Schluß, daß man sowohl am Glaubensunterricht (Sunday School) für junge Leute als auch an den Gottesdiensten etwas ändern sollte. Heute sind jeden Sonntag rund 100 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Kirche, und von Nachwuchssorgen ist wenig zu hören. Gemeindeleben ist weit mehr als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen: Diese Einsicht war ganz wichtig.

Neue Mitglieder zu gewinnen und die Botschaft des Evangeliums weiterzutragen, das ist natürlich eine Aufgabe, die nicht auf die eigene Gemeinde beschränkt bleiben kann. So hat sich die Mission in den letzten 15 Jahren immer stärker zu einem Arbeitsschwerpunkt der Chinese Rhenish Church entwickelt. Seit 1991 haben Missionare in acht Ländern für diese Kirche gearbeitet - und eines dieser Länder ist die Volksrepublik China.

"Missionare haben unsere Kirche gegründet, heute senden wir selber Missionare aus", sagt Pastor Chang, der sich in seiner Gemeinde besonders für den Austausch mit Kirchen in der Volksrepublik einsetzt. Die Geschichte der Chinese Rhenish Church beginnt 1847 mit der Arbeit von drei Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft in Hongkong und im Delta des Perlflusses, in der heutigen chinesischen Provinz Guangdong. Bis in die 1940er Jahre wurden an vielen Orten Kirchen gegründet und Schulen gebaut, und einige Missionare versuchten auch, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Die älteste Rheinische Gemeinde in China, 1847 von Karl Gützlaff in Taiping gegründet, verwaltete sich seit 1923 selbst, und auch die anderen Gemeinden wurden früher oder später selbständig.

Theologisch konservativ (wie der größte Teil der Hongkonger Kirchen), sieht die Chinese Rhenish Church ihren eigentlichen Auftrag nicht in der Entwicklungshilfe, sondern in der Unterstützung anderer Gemeinden, der Verbreitung des christlichen Glaubens und der Verbesserung der theologischen Ausbildung in anderen Ländern. Das steht durchaus nicht in Widerspruch zum ausgeprägten sozialen Engagement der Kirche: In Hongkong unterhält sie zum Beispiel zahlreiche Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sowie Seniorenheime und -zentren. Außerdem bietet sie weit gefächerte Aktivitäten und Hilfen für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus Thailand, den Philippinen, Sri Lanka und Indonesien an. In diesem Bereich betreibt sie ein Gemeinschaftsprojekt mit der VEM.

Ihre Missionarinnen und Missionare in anderen Ländern haben unter anderem Kindergärten und Schulen für Straßenkinder aufgebaut (Kambodscha) und mit chinesischen Fabrikarbeitern gearbeitet (Philippinen), bieten Chinesisch-, Russisch- und Englischunterricht an (Zentralasien) und kümmern sich um chinesische Familien, die in Großbritannien leben. Bei den meisten ihrer Missionsprojekte arbeitet die Chinese Rhenish Church eng mit anderen Kirchen und Missionsgesellschaften zusammen.

Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten (1949) wurden fünf der insgesamt sechs Kirchenkreise der staatlich kontrollierten evangelischen Einheitskirche angegliedert; nur im britisch regierten Hongkong blieb die Rhenish Church bestehen. Jede weitere Zusammenarbeit mit den Gemeindegliedern jenseits der Grenze wurde von der Pekinger Regierung unterbunden.

Erst 40 Jahre später, nach dem Beginn der Reformpolitik unter Deng Xiaoping, änderte sich die Situation. 1990 besuchten Hongkonger Christen zum ersten Mal die ehemaligen Gemeinden der Rheinischen Mission auf dem Festland - und tatsächlich gab es dort noch Pastoren, die vor 1949 ordiniert worden waren. Seit 1994 bestehen engere und regelmäßigere Kontakte zwischen der Chinese Rhenish Church und ihren ehemaligen Gemeinden in der Provinz Guangdong, und seit 1998 werden die verschiedenen Austauschaktivitäten in einem zentralen Büro für Mission koordiniert.

In der Volksrepublik China ist klassische Missionsarbeit unverändert verboten, und die Zusammenarbeit chinesischer Kirchen mit Gemeinden in anderen Ländern wird von offizieller Seite häufig mit Mißtrauen betrachtet. Religiöse Aktivitäten werden strikt kontrolliert, vor allem wenn Ausländer dabei im Spiel sind.

Hongkong ist auch nach der Übergabe an China (1997) in vieler Hinsicht noch "Ausland" (die Region ist weitgehend autonom, hat ihre eigenen Gesetze, ihr eigenes Parlament, ihre eigene Regierung), aber die Mitarbeiter der Chinese Rhenish Church haben es bei ihrer China-Arbeit doch leichter als Missionare aus westlichen Ländern. Ein Grund ist die geographische Lage: Von Hongkong aus ist man schnell und billig in Guangdong, und das macht zahlreiche Kurzzeiteinsätze möglich. Hongkonger Christen besuchen ihre Partnergemeinden oft übers Wochenende. Vor allem aber gibt es keine Sprachbarriere, denn in Hongkong wie in Guangdong wird vor allem Kantonesisch gesprochen.

Die staatlichen Restriktionen, die die Zusammenarbeit zwischen der Chinese Rhenish Church und Gemeinden in Guangdong erschweren, haben in den letzten Jahren noch zugenommen. Seltener als früher drücken die für Religion zuständigen Kader ein Auge zu. Andererseits berichten Hongkonger Besucher der Partnergemeinden, daß die für Kontrollen zuständigen Regierungsbeamten oft vor allem den Schein wahren wollen. So dürfen Mitarbeiter der Rhenish Church ohne schriftliche Sondererlaubnis nicht im Sonntagsgottesdienst einer Partnergemeinde predigen - am Samstag ist das aber kein Problem.

Frau Sung, die Leiterin des Missionsbüros, hat auf Einladung chinesischer Pfarrer lange Zeit an Wochenenden Evangelisationen veranstaltet. Dabei waren immer junge Leute aus Hongkonger Gemeinden dabei. Sie fanden es sehr motivierend zu sehen, wieviele Teilnehmer sich während solcher Veranstaltungen für den christlichen Glauben entscheiden. Für eine nachhaltige Wirkung ist es natürlich wichtig, daß Evangelisationen und Glaubensunterricht regelmäßig stattfinden.

Nicht nur personell, sondern auch finanziell unterstützt die Chinese Rhenish Church ihre Partnergemeinden. Wenn sie Geld ins Land bringt, etwa für die Renovierung von Kirchen oder für den Bau einer neuen theologischen Hochschule, wird das von der Regierung nicht ungern gesehen - obwohl die staatlich anerkannte Kirche sich eigentlich zu finanzieller Unabhängigkeit verpflichtet hat.

Die Partnergemeinden der Chinese Rhenish Church wachsen stark. Viele neue Gemeindeglieder sind Wanderarbeiter aus anderen Teilen Chinas, die - fern von ihren Familien und sozial isoliert - einen besonders großen Bedarf an Gemeinschaft mit anderen und an Lebensorientierung haben. Für die Chinese Rhenish Church wie für die Kirche in China insgesamt ist das schnelle Gemeindewachstum eine große Herausforderung: Die Ausbildung qualifizierter Pastoren und anderer Gemeindemitarbeiterinnen und -mitarbeiter kann mit dem Bedarf bei weitem nicht schritthalten.

Deshalb investieren Hongkonger Gemeindeglieder bei ihren Besuchen viel Zeit und Energie in die Weiterbildung von Mitarbeitern in den Partnergemeinden, und die Synode finanziert eine neue theologische Hochschule mit. Auch hierin knüpft die Kirche an ihre eigene Geschichte an: von 1908 bis 1937 betrieb sie bereits eine Bibelschule für Frauen in Taiping.


Segen, Schlußlied, Orgelnachspiel. Als wir die Kirche verlassen, tönt es aus vielen Richtungen: "Herzlich willkommen bei uns!" und "Werdet ihr nächste Woche wiederkommen?" Wenn nur die Fahrt nicht so weit wäre ... Aber es wird sicher nicht unser letzter Besuch hier gewesen sein.

(14 March 2007)