Oliver's entries

Interkulturelle Kommunikation

Chinesen begrüßen sich mit der Frage "Hast du schon gegessen?" Eine solche Frage sollte man nie mit Nein beantworten, selbst wenn man gerade auf dem Weg ins Restaurant ist, denn das würde sogleich eine Einladung zum Essen nach sich ziehen. Chinesische Höflichkeit verlangt, dass man den körperlichen Mangelzustand eines anderen sofort behebt. Also ist die Antwortet immer: "Ja, ich habe schon gegessen", auch wenn der Magen knurrt.

"Hast du schon gegessen?" ist keine wirkliche Frage, sondern eine Floskel wie das britische "How do you do?" In England käme niemand auf die Idee, so angesprochen die eigene Befindlichkeit zu beschreiben. Natürlich antwortet man immer mit derselben Frage: "How do you do?"

Angemessen auf Begrüßungen reagieren zu können gehört zum Grundbestand interkultureller Kommunikation. Die betreffenden Regeln lernt man beim Aufenthalt in einer fremden Kultur früh und relativ schnell. Schwieriger wird eine Verständigung über Kulturgrenzen hinweg dann, wenn man kulturelle Unterschiede nicht erwartet - in der Routine des Alltags.

Als wir im Herbst 2004 in der kleinen chinesischen Universitätsstadt Taian ankamen, wo wir am Taishan College als Lehrer der Amity Foundation Englisch unterrichten sollten, hatten wir die Werkzeuge interkultureller Verständigung im Gepäck: einen Vorbereitungskurs der Vereinten Evangelischen Mission, Lektüre über Verhalten in der fremden Kultur und - vielleicht das wichtigste - Sprachkenntnisse, die die Kommunikation erheblich erleichtern sollten. Außerdem waren wir ja Amity-Lehrer geworden, weil wir nicht nur Englisch unterrichten, sondern vor allem interkulturelles Verständnis wecken wollten. Doch alles war vergessen, als an einem der ersten Abende das Telefon klingelte.

Es war die Dekanin der englischen Fakultät, Frau Yu, die uns zu einem großen Abendessen, genauer: zu einem Bankett mit Mitgliedern der Fakultät, einlud. Während ich meinen Kalender herauszog, um mich an die Termine der nächsten Tage zu erinnern, hörte ich die Stimme am anderen Ende der Leitung sagen: "In fünf Minuten unten am Tor. Habt ihr Zeit?" Das "Habt ihr Zeit?" war natürlich eine rhetorische Frage. Es wurde ganz klar vorausgesetzt, dass wir Zeit hatten.

Was war zu tun? Eigentlich hatten wir andere Pläne für diesen Abend. Sollte ich einwenden, dass sie uns früher hätte Bescheid sagen müssen? Glaubten die Kollegen an der Schule etwa, dass wir nichts zu tun hätten, oder gar, dass man mit uns umspringen könne, wie es gerade passte, auch nach Feierabend?

Wir erreichten das Restaurant nach etwa zwanzig Minuten und mehreren Aufforderungen wie "Schneller!", "Wir müssen uns beeilen!" und "Es ist schon spät, wann kommt dein Mann endlich?". Am Ende verflog auch das letzte bisschen Verständnis, das wir uns noch bewahrt hatten, als wir im Restaurant eine halbe Stunde warten mussten, bis unser Gastgeber schließlich erschien. Es kam uns in diesem Moment nicht in den Sinn, dass die Situation eine komplexe kulturbedingte Ursache hatte. Aus unserer Sicht waren wir unhöflich behandelt worden.

In Wirklichkeit waren die chinesischen Kollegen ausgesprochen höflich. Nie wird in China längerfristig geplant, wenn es um soziale Ereignisse wie Bankette, Ausflüge oder Konferenzen geht. Wenn es sein muss, wird selbst die Weihnachtsfeier auf Silvester verschoben.

Terminkalender sind in China so gut wie unbekannt. Warum? Weil jederzeit derjenige, der in der sozialen Hierarchie relativ hoch steht, über die Zeit anderer frei verfügen darf - ganz im Sinne der konfuzianischen Tradition. Deshalb mussten wir lernen, jederzeit bereit zu sein, wenn ein Vorgesetzer uns jetzt und hier zum Abendessen einlud - und uns dann warten ließ.

Ein interkultureller Lernprozess ist aber keine einseitige Angelegenheit. Von Frau Yu, der Dekanin, erfuhren wir später, dass sie ihrerseits mühsam gelernt hatte, Rücksicht auf die Gewohnheiten der ausländischen Lehrer am College zu nehmen. Früher habe sie gar nichts dabei gefunden, von ausländischen Lehrern zu verlangen, dass sie innerhalb von zwei Stunden eine komplette, abendfüllende Vorlesung zusammenzustellen sollten. Heute gelinge es ihr meistens, für ihre ausländischen Kollegen im Voraus zu planen, einen halben Tag oder auch mehrere Tage - aber eben nicht immer, wie sie zugab.

Tatsächlich ist es in China zur Zeit ausgeprochen wichtig, die eigene interkulturelle Kompetenz unter Beweis zu stellen. Es gibt wenige Themen, für die sich chinesische Studierende mehr interessieren, als korrektes Benehmen in einer fremden Kultur. Das hat mehrere Ursachen. Chinesische Kinder lernen schon in früher Kindheit, dass Verhaltensnormen von Ausländern erst mühsam gelernt werden müssen, bevor Kommunikation zwischen Chinesen und Ausländern stattfinden kann, ohne dass jemand dabei sein Gesicht verliert. Und weil die eigene, die chinesische Kultur als ein abgeschlossenes System von Regeln und Traditionen wahrgenommen wird, das sich ganz grundsätzlich von allen anderen Kulturen unterscheidet, halten es viele Chinesen oft für besonders schwer, mit Ausländern wie mit normalen Menschen zu kommunizieren. Kein Wunder, dass interkulurelle Kommunikation für den einen oder anderen ein wahrer Albtraum ist.

Zheng Yu, ein Hochschulstudent Anfang 20, war sehr nervös und hatte regelrecht Angst bei dem Gedanken, zu einer Party bei einem befreundeten Amerikaner zu gehen. Obwohl die Party in China stattfand und sich Zheng Yu also in seiner eigenen Kultur bewegte, fürchtete er, gegenüber den anwesenden Ausländern das Gesicht zu verlieren, wenn er sich nicht genau wie ein Amerikaner verhielt.

Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er sich bei uns, seinen ausländischen Lehrern, erkundigte: "Wie groß muss der Abstand zwischen zwei Menschen sein, wenn man sich unterhält? - Gebe ich beim Begrüßen die Hand oder nicht? - Bin ich unhöflich, wenn ich als Mann einer Frau gegenüber zuerst meine Hand ausstrecke?" Für Zheng Yu wurde eine harmlose Party zum Examen, in der seine interkulturelle Tauglichkeit geprüft wurde. Bestanden oder durchgefallen? Selbst der Hinweis darauf, dass er in seinem eigenen Land war und dass es allenfalls die Ausländer wären, die sich anpassen müssten, beruhigte ihn nicht.

Zheng Yu war zwar hoch erfreut über die Einladung eines Amerikaners, hielt aber sein "Anders-Sein" eher für eine Belastung als eine Bereicherung der Partygespräche. Das ist Schade, denn anders zu sein, nicht Teil einer Gemeinschaft mit ähnlicher Kultur zu sein, kann zur großen Chance werden.

Studierende von unserem College kamen regelmäßig zu Gesprächen in unser Büro, nicht nur, um englische Konversation zu üben. Viele kamen zu uns mit ihren kleinen Sorgen des Alltags, aber auch mit grundsätzlichen Fragen an das Leben. Sie fragten nach Religion und Glauben und berichteten von Problemen wie Armut, Krankheit, Überforderung oder Missverständissen in ihren Familien - einfach, um darüber zu sprechen. Sie sprachen über Liebeskummer, obwohl sie wussten, dass Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen am College offiziell verboten waren.

"Warum", fragte eines Tages unser junger Kollege Xiu, "haben die Studenten Vertrauen zu euch? Was macht ihr, dass sie euch so viel erzählen wollen?" Xiu hatte sich lange darum bemüht, ein enges Verhältnis zu den Studierenden aufzubauen. Er war offen, freundlich, den Studenten zugewandt und allgemein beliebt. Ja, er hatte an einem anderen College seinen Job verloren, weil er in einem Konflikt mit der Verwaltung für die Studierenden Partei ergriffen hatte. Xiu war einer, der den Studierenden helfen wollte. Warum also vertrauten sie uns, den ausländischen Lehrern, mehr an als ihm? Die Antwort ist einfach: Er war Teil des Systems, wir nicht! Die Studierenden mussten davon ausgehen, dass Xiu als chinesischer Lehrer unter Umständen ihr Handeln verurteilen und vertrauliche Informationen an seine Vorgesetzten weitergeben würde.

Wo Menschen über kulturelle Grenzen hinweg miteinander kommunizieren, eröffnet sich die Chance, das starre Gerüst von Erwartungen und Regeln der eigenen Kultur zumindest für einige Zeit beiseite zu schieben und eine neue Perspektive zu gewinnen. Vor allem dann, wenn kulturell bedingte Verhaltensnormen und Denkweisen Menschen belasten und auf bestimmte soziale Rollen festlegen, kann der Umgang mit Menschen einer anderen Kultur befreiend sein.

So stellt ein chinesischer Pastor begeistert fest, daß man während einer internationalen Tagung locker miteinander umgehen kann - daß man sich vor anderen Leuten umarmen, ja daß man tanzen kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Er läßt sich von dem Erlebnis so mitreißen, daß er mit seinen 50 Jahren zum ersten Mal den Mut faßt, vor einer Gruppe von (plötzlich gar nicht mehr so) Fremden ein Lied zu singen. Für eine Chinesin Anfang 20 ist es befreiend zu erleben, daß das Verhältnis zu den eigenen Eltern durchaus von Respekt und Liebe geprägt sein kann - doch ohne die Vorstellung, sie müßte all das zurückerstatten, was die Eltern für sie an Entbehrungen auf sich genommen haben. Lehrer aus Europa wiederum machen die Erfahrung, daß sie in China Freundschaften eingehen können, die tiefer und enger sind als irgendeine Freundschaft zu Hause.

Befreiung ist für uns Christen ein Kernbegriff. In der interkulturellen Kommunikation geht es selbstverständlich nicht um die sozusagen "große" Befreiung - Befreiung von Sünden, Befreiung zum ewigen Leben, Befreiung von Menschen, die zu unrecht in Haft sitzen. Doch wenn es Menschen gelingt, sich in interkultureller Kommunikation von sozialen und kulturellen Zwängen zu befreien, so ist auch das ein kleiner Teil des großen Befreiungswerks Gottes. Und deshalb ist interkulturelle Kommunikation ein zentraler Bereich der Missionsarbeit.

(17 March 2007)