Englischunterricht statt Sommerferien
Das Summer English Program der Amity Foundation
Die Luft ist feucht. Sommerhitze drückt durch die Fenster und die Betonwände des Klassenraums herein. Eifrige Kursteilnehmer warten, daß ein Lehrer hereinkommt und eine interessante Stunde hält. Stellen Sie sich vor, Sie sind es, auf die sie warten ...
Seine kostbaren Ferien als Englischlehrer in China zu verbringen ist sicherlich nicht der Sommertraum für jeden. Warum also packten über sechzig Freiwillige aus den USA, Kanada, Japan, Großbritannien und Deutschland Ende Juni ihre Bündel und machten sich auf, um einen Monat lang in einer der abgelegenen Regionen Chinas Englisch zu unterrichten, statt faul am Strand zu liegen?
Aktiver Glaube
Es gibt viele Gründe, warum Leute nach China kommen, aber für die Teilnehmer am Summer English Program (SEP) der Amity Foundation geht es um die Gelegenheit, sich möglichst sinnvoll im christlichen Dienst am Nächsten zu engagieren. Ed Christmas, einer der amerikanischen Teilnehmer, sagt: "Ich finde es wichtig zu zeigen, daß wir Christen sind, indem wir anderen dienen und helfen. Christliche Nächstenliebe muß man in die Tat umsetzen." Sally Wilkins aus Großbritannien sieht das genauso und nennt das SEP "ein echtes Beispiel für Glauben, der wirkt."
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am SEP sind offensichtlich hochmotiviert - aber wie genau machen sie einen Unterschied? "Menschen in vielen unterentwickelten Regionen von China haben praktisch überhaupt keine Gelegenheit, mit Leuten zu sprechen, die fließend Englisch können", sagt Kim Strong, die Verantwortliche für den SEP-Einführungskurs. Mit den SEP-Lehrern können Englischlehrkräfte, die an Mittelschulen unterrichten, ihr mündliches Englisch intensiv üben. Der Fotschritt, den sie hier machen, zahlt sich für sie und für ihre Schülerinnen und Schüler unmittelbar aus. Andrew Holloway, ein Teilnehmer aus den USA, formuliert es so: "Ich konnte im SEP etwas anbieten, was für die Leute in den ländlichen Gebieten von China ganz wichtig ist. Es gibt hier einen echten Mangel, und wir können dazu beitragen, daß er kleiner wird." Von den Bedürfnissen der Menschen vor Ort auszugehen und konkrete Hilfe anzubieten: das zeichnet die Arbeit der Amity Foundation aus.
Den Schwachen helfen
Die Amity Foundation ist die größte Nichtregierungsorganisation mit christlichem Hintergrund in China. Seit ihrer Gründung 1985 setzt sie sich für die schwächsten Glieder der chinesischen Gesellschaft und für die Verlierer der wirtschaftlichen Modernisierung des Landes ein. Der Aufbau eines Gesundheitssystems für die Landbevölkerung, die Versorgung von Waisen und alten Menschen, humanitäre Hilfe nach Erdbeben oder Überschwemmungen, bessere Bildungschancen für Kinder und junge Erwachsene aus einfachen Verhältnissen - das sind einige der Bereiche, in denen Amity tätig ist. Die Kooperation mit evangelischen Kirchengemeinden spielt dabei eine immer wichtigere Rolle.
Im Zentrum von Amitys Arbeit steht die Überzeugung, daß christlicher Glaube gesellschaftlich engagiert sein muß und daß Christen in diesem Engagement mit Angehörigen anderer Religionen und mit Atheisten zusammenarbeiten sollen. Die Organisation wird von Kirchen und Missionsgesellschaften in Europa, Amerika, Afrika und Asien gefördert. Rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Zentrale in Nanjing beschäftigt; hunderte Freiwillige arbeiten in ganz China mit. Von Anfang an hat Amity dazu beigetragen, daß das Land sich für die Außenwelt öffnet - der direkte Kontakt zwischen Chinesen und Nichtchinesen steht gerade bei der Bildungs- und Erziehungsarbeit im Vordergrund. Teil dieser Arbeit ist seit 1987 das Summer English Program.
Lernen auf beiden Seiten
Je drei bis sechs SEP-Lehrer arbeiten in Teams zusammen und bemühen sich, eine möglichst authentische Sprachumgebung für die rund 120 chinesischen Lehrerinnen und Lehrer zu schaffen. Die Kurse finden an 16 verschiedenen Orten im ganzen Land statt. Für die Chinesen bietet sich hier eine einzigartige Gelegenheit, mehr über interkulturelle Kommunikation zu lernen. "Die Lehrer waren sehr nervös und hatten überhaupt kein Selbstvertrauen", erinnert sich Jane Coates, die in einer kleinen Stadt in der Provinz Hebei unterrichtet hat. "Die meisten von ihnen hatten vorher noch nie einen Ausländer getroffen - und ganz sicher nicht mit einem Englisch-Muttersprachler gesprochen." Doch nach nur 3 Wochen hatte die Situation sich schon verändert: "Ihre Hör- und Sprechfähigkeit waren deutlich besser geworden, sie hatten eine herzliche und vertrauensvolle Beziehung zu uns aufgebaut, entwickelten sich zu Freunden und Kollegen."
Die Gelegenheit, mit den hilfsbereiten und freundlichen SEP-Teilnehmern zu kommunizieren, stärkt das Selbstvertrauen der chinesischen Lehrerinnen und Lehrer oft ganz erheblich. "Viele von ihnen sind mutlos und sehen keine Perspektive für ihre Arbeit, wenn unser Programm beginnt", sagt Kim Strong, "aber sie gehen frisch und optimistischer zurück an ihre Schulen."
Lernen findet allerdings durchaus nicht nur auf chinesischer Seite statt. "Ich kam, um etwas zu geben - und habe so viel bekommen", sagt Kathy Allen, die in Gansu unterrichtet hat. "Es war besser, als ich im Traum je geahnt hätte." Während ihres vierwöchigen Aufenthalts haben die Freiwilligen unzählige Gelegenheiten, mehr über das Leben und die Sichtweisen der Chinesen herauszufinden. Der gesamte Lehrplan ist darauf ausgerichtet, diese gegenseitige Entdeckungsreise zu fördern. "Was dieser Aufenthalt mir selbst gebracht hat? Eine Menge Wissen über chinesische Kultur", sagt Miriam Wallinger. Sie ist dankbar für die Chance, "die Entwicklung von China mit chinesischen Augen zu sehen".
Die Teilnehmer am SEP haben auch Gelegenheit, zusammen mit chinesischen Christen in den Gottesdienst zu gehen. Das hilft ihnen, die Kirche in China besser zu verstehen und in ihren Eigenheiten anzuerkennen. "Ich bin immer wieder neu beeindruckt von dem Geist unter den chinesischen Christen", sagt Loretta Denson, die schon neunmal am SEP teilgenommen hat. "Die Kirchen hier atmen eine Bescheidenheit und Nächstenliebe, die ich zu gern in meine Kirche zu Hause mitnehmen würde." Jean Roth fügt hinzu: "Ich weiß jetzt nicht nur mehr über China und die Chinesen, sondern finde auch, daß die Zukunft des Landes und der Kirche hier mich selbst viel stärker angeht als früher." Viele Teilnehmer sind überrascht, wie viele Christen es in China gibt und wie schnell die Kirche wächst.
Frank Mayo faßt zusammen, was die SEP-Erfahrung für ihn bedeutet: "Ich fühle mich heute als ein besserer Mensch - ein besserer Christ - und zwar wegen meiner neuen Freunde, die aus der Gegend von Nanning kommen."
Hindernisse überwinden
Natürlich gibt es bei einem Abenteuer wie diesem immer auch Probleme. Jedes Team hat so seine eigenen Geschichten über die Schwierigkeiten und Überraschungen, die unterwegs aufgetaucht sind. Manche Teilnehmer mußten schweres Gepäck durch einen Flughafen nach dem anderen bugsieren. Andere erreichten ihren Einsatzort gegen 3 Uhr morgens nach einer siebenstündigen Busfahrt über holperige Straßen. Eine Magen-Darm-Grippe gehört zu den richtig unangenehmen Dingen, und wenn man in einen Klassenraum mit 100 Leuten kommt, wo man allenfalls 30 erwartet hatte, ist das schon ein gewisser Schock. Kaum ein Teilnehmer ist ohne mindestens eine echte Herausforderung am Ende des SEP angekommen. "Trotzdem", sagt Mabel Snyder, "haben sich die ganze Planung und harte Arbeit am Ende ausgezahlt, und ich habe das Gefühl, richtig etwas erreicht zu haben." Loretta Denson, die seit 9 Jahren immer wieder dabei ist, räumt ein: "Es wäre leichter, einfach zu Hause zu bleiben, anstatt sich hier anzustrengen und bis zum Umfallen zu arbeiten. Aber was wir hier machen, ist es einfach wert."
Die neuen Freundschaften und der große Nutzen, den ihr Einsatz für die chinesischen Lehrerinnen und Lehrer hat, lassen das SEP für viele Teilnehmer zu etwas werden, das ihr Leben verändert. "China wird mich auch weiterhin verändern, in den nächsten Tagen, Monaten und Jahren", sagt Amy Sara Hubble, die 2006 zum ersten Mal dabei war. Und dies ist vielleicht der Grund dafür, daß ein paar Leute wie Loretta Denson und Pat Vandercook immer wiederkommen. Pat sagt mit einem breiten Grinsen: "Jedes Jahr sage ich meiner Familie: 'Nur noch einmal!'"
(14 March 2007)


